20 Jahre Kulturzeit

Eine Sendung erinnert sich

20 Jahre Kulturzeit

Soviel ist klar: Ich bin ein Kind der Leidenschaft. Das Ergebnis eines wilden Gedankenexperiments. Als ich vor 20 Jahren zur Welt kam, hatte ich nicht einen, sondern gleich vier Paten. ARD, ZDF, ORF und SRG. Und jeder von ihnen wollte das Kind schaukeln. Doch die Verwandtschaft konnte es sich nicht verkneifen, zu unken: „Ob das jetzt schon der ganz große Wurf ist?“ Heute dagegen berichten die Familienobersten stolz davon, wie sie überall auf ihr Baby angesprochen werden. Die Leute würden ihnen stets sagen: „Kulturzeit, das ist eine feste Institution. Nicht mehr wegzudenken.“ Kultur, das ist für mich nicht nur Literatur, Musik und Kunst. Von Anfang an wollte ich mich auch gesellschaftlich wichtigen Fragen widmen, mich eben einmischen.

Es soll zwar immer noch Leute geben, die mich nicht kennen. Doch diejenigen, die wissen, mit wem sie es zu tun haben, haben dann diesen besonderen Glanz in ihren Augen, wenn sie von mir sprechen. Schließlich musste das auch die Verwandtschaft anerkennen. Nachdem ich laufen gelernt hatte, war ich so berühmt, dass ich mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt wurde. Gert Scobel nahm ihn für mich entgegen. Und so sah ich damals aus, am 2. Oktober 1995, dem Tag meiner ersten Sendung: ein unverwechselbares Design, eine Musik, die ins Ohr geht, und Gert, der in nur wenigen Sätzen mein ganzes Wesen skizziert und der – moderierend – Erdnüsse knabbert.

Analoge Welt

Die Welt vor 20 Jahren war ja ohnehin eine ganz andere als heute. Irgendwie analog. Um mich zu senden, waren zum Beispiel seltsame Gerätschaften nötig, die aussahen wie bei „Raumschiff Enterprise“. Auch die Regie sah ein bisschen so aus wie auf der Brücke des berühmten Raumkreuzers. Astronauten schienen sie an Stelle von Regisseuren zu steuern.

Und die Filmbeiträge, die kamen damals noch von Bändern, von riesigen Dingern, die Beta, Digi-Beta oder DVC-Pro hießen. Bänder, die man noch vor und zurück spulen konnte, und dann quietschte es gerne mal. Gesendet werden konnten diese Bänder aber nur, wenn sie jemand zuvor mit dem perfekten Strichcode versehen hatte. War der falsch angelegt, dann spulte sich das Band mitten in der Sendung mit einem hässlichen Geräusch zurück. Mann, war mir das peinlich!

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Einmal war auch das Gerät kaputt, in das die Bänder gesteckt und abgespielt wurden. Dann stürzte ohne jede Vorankündigung mittendrin ein Filmbeitrag ab, es wurde einfach schwarz auf dem Sender. Den Fehler zu beheben, war nicht ganz leicht, weil es für das Abspielgerät leider keine Ersatzteile mehr gab. Zum Glück haben wir es irgendwie wieder hinbekommen. Doch das Gerät war sowas wie das Letzte seiner Art.

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Zum Glück sind diese Pannen aber nur ganz selten passiert. Heute lache ich mich darüber kaputt. Bänder, was ist das? Fehler passieren heute trotzdem, nur sind es eben andere. Ich erzähle das alles ja nicht aus Nostalgie – dafür bin ich mit meinen 20 Jahren noch viel zu jung – sondern weil ich weiß, dass viele sehr neugierig sind, was mich betrifft. Zum Beispiel werde ich immer wieder gefragt, wie das bei mir alles überhaupt funktioniert. Natürlich arbeiten jede Menge Leute an meinen Sendungen. In der Redaktion, in der Produktion, im Studio und in der Regie. Ohne sie geht gar nichts.

Die Moderatoren

Auch über die Moderatoren wollen ja viele etwas wissen. Die ehemaligen und die heutigen. Zurzeit werde ich moderiert von: Andrea Meier (SRF), Ernst Grandits (ORF), Cécile Schortmann (HR/ARD) und Tina Mendelsohn (ZDF). Jeder meiner Paten stellt also auch eine Moderatorin bzw. einen Moderator. Und sie kommen immer für ihre Sendewoche zu mir nach Mainz in mein Studio. Klar, dass mein 20. Geburtstag für die vier ein guter Anlass ist, mich zu würdigen:

Die Kulturzeit ist im europäischen Raum eines der wenigen Magazine, welches sich mit einer kulturpolitischen bis künstlerischen Perspektive in die Aktualität einmischt und jene Ecken und Ränder beleuchtet, welche in der Hektik der Zeit völlig unterzugehen drohen. Mir gefällt diese Perspektive, dazu auch immer wieder die Poesie, die Leichtigkeit, die Bild- und Wortkunst, welches die persönliche Kulturzeit-Note ausmacht. Wie es schon der russische Dramatiker und Erzähler Maxim Gorkij sagte, steht für mich die Wissenschaft für den Verstand der Welt, während die Kunst ihre Seele ist. Die Kulturzeit vereint beides – auf eine Art, die ich absolut einzigartig finde.
Andrea Meier
Im Sommerurlaub bin ich in einer Bucht auf eine Touristengruppe mit farbigen Bändchen an der Hand gestoßen. Da dachte ich an den für mich so wahren Spruch: ‚All-Inclusive ist das Ende jeder Utopie!‘ Kulturzeit ist nicht All-inclusive. Keine mundgerechten (Kultur-)Häppchen. Keine schrill dekorierten Drinks. Es geht vielmehr darum, immer wieder neu nach- und umzudenken, Utopien zu schaffen. Diese Sendung zu moderieren, ist eine exklusive Bereicherung.
Cécile Schortmann
Meine erste Kulturzeit moderierte ich am 4. September 2001. Die Woche darauf stürzten die Twin Towers ein und die nächsten 14 Jahre verging keine Sendung, die sich nicht auf die eine oder andere Art mit dieser Erdverschiebung auseinandersetzte. In meiner ersten Januar-Moderationswoche 2005 interviewte ich den österreichischen Schriftsteller Josef Haslinger. Es ging um Schuld. Er kam nicht darüber hinweg, in der Todesangst im Tsunami nicht zuerst seine Frau und Kinder gerettet zu haben. Nach dem Börsen-Crash 2008 erzählte der US-Soziologe Richard Sennet, warum entlassene Wall-Street-Banker kein Schuldgefühl haben. Kultur ist alles, das wusste die Kulturzeit schon vor 20 Jahren: Politik, Oper, Theatersterben, Religion und die Flüchtlinge von Duisburg-Marxloh gehören zusammen. Es ist eine Haltung, ohne die ich nicht leben möchte.
Tina Mendelsohn
20 Jahre Kulturzeit? Auch nach 20 Jahren kann mich die Kulturzeit überraschen, erfreuen und aufregen. Sie ist eine offene kulturelle Plattform für alle wichtigen Debatten. Denn die Zeitläufte zeigen, Aufklärung ist in unseren multimedialen Zeiten wichtiger denn je. In Zeiten der grassierenden Unkultur preist sie Kultur als Medizin gegen Krieg, Flucht, Finanzkrisen und menschlichen Irrsinn. Auch wenn ich einmal nicht ihrer Meinung bin, bin ich froh, dass es sie gibt, die Kulturzeit.
Ernst Grandits

Die Vorgänger meiner heutigen Moderatoren heißen Gert Scobel, Andrea Schurian, Karin Müller, Catherine Ann Berger, Eva Wannenmacher. Über sie sage ich nur so viel, nämlich, was sie heute so machen. Auch ein gewisser Dieter Moor – heute nennt er sich Max – war übrigens mal ganz kurz Gastmoderator bei mir.

Die Redaktion

Auch wer hier im Kulturzeit-Büro arbeitet, das werde ich immer wieder gefragt. Die Leute sind ja sowas von neugierig. Es würde jetzt wirklich zu weit führen, jeden einzeln vorzustellen. Auf einem Foto alle zu versammeln – ein Ding der Unmöglichkeit. Immer ist irgendeiner gerade nicht da. Oder vor Kurzem in Rente gegangen. Ungefähr so sieht das dann aus.

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Die Zuschauer

Mich selbst interessiert sehr, was meine Zuschauer so denken. Über mich, über die Kultur und die Welt an sich. Also habe ich mal gefragt, was sie sich für meine Zukunft wünschen. Viel Aufmerksamkeit bekomme ich zurzeit und dafür möchte ich mich allseits herzlichst bedanken. „Mehr Kultur“ wünscht sich nicht nur meine Zuschauerin B. Fried. „Bleib so wie Du bist“, schreibt mir ein gewisser Fritz, inklusive Smiley. „Und immer noch keine Untertitel“, mahnt mich Zuschauerin Elisabeth Endres.

„Täglich ein Muss“, schreibt mir meine Zuschauerin Ursula Eichler. Und weiter: „Supergute, sehr interessante Sendung, die viele Denkanstöße und tolle Hinweise gibt. Bitte nicht nachlassen! Danke für unzählige Anregungen – das ist einmalig.“ „Diese Vielfalt und Anregungen ohne offensichtlich merkantile und politische Interessen sind ein Schatz, den ich nicht missen möchte“, lässt mich R.M. Simon wissen. Und Zuschauer Michael Blümel widmet mir gleich mehrere Zeichnungen:

Bei mir zu Gast sind ja von Anfang an die Großen des kulturellen Lebens gewesen. Nicht für jeden von ihnen wurde das Gespräch mit einem der Moderatoren zum Kuschelkurs.

Als ich das Internet für mich entdeckte – auch das war vor ungefähr 20 Jahren – sagte Gert Scobel, das neue Medium errege die Menschen gleichermaßen, wie es sie aufrege. Heute dagegen bin ich sowas von online. Seit November 2013 sind meine Sendungen immer komplett im 7-Tage-Abruf in der 3sat-Mediathek zu sehen, davor waren es auch schon die allermeisten Beiträge. Nur mit den Urheberrechten ist das manchmal nicht so einfach und so kommt es immer noch hin und wieder vor, dass ich manche Fernsehbilder im Netz nicht zeigen darf. Auch in den sozialen Netzwerken bin ich schwer aktiv, seit 2008 bei Facebook und kurz danach auch bei Twitter. Das war damals, als Gert Scobel die 3sat-Internetseite bei mir im Studio vorstellte, aber noch Zukunftsmusik.

Wenn wir schon bei Archivperlen sind, da hätte ich noch was. Der damals eher regional bekannte Kabarettist Lars Reichow, der heute eine eigene Sendung bei einem meiner Paten hat, leistete als mein Gast seinen ganz persönlichen Beitrag zum Thema „Kulturzeit goes Internet“.

Ziemlich lange sah mein Studio noch so aus wie beim Auftritt von Lars Reichow. Doch 2008 brachen neue Zeiten an, das Studio wurde umgebaut und aufgehübscht.

Psst, das ist jetzt wirklich nur für Insider: 2016 bekomme ich einen neuen Facelift. Leider kann ich zurzeit noch gar nichts zeigen, außer den Blick in ein leeres Fernsehstudio, in dem ich dann zu sehen sein werde. Es ist übrigens der kleine Bruder des Studios, aus dem das berühmte ZDF-„Sportstudio“ kommt.

Neues Studio_n_Markus Dillmann

Die Redaktionsleitung

Auch eine neue Leiterin habe ich gerade bekommen: Anja Fix (ZDF). Quasi als Geschenk zum 20. Geburtstag. Ihr habe ich gleich mal fünf Fragen gestellt.

Anja Fix_n_ZDF, Jana Kay

Eine Gesellschaft braucht Kultur, weil … „sie uns zu besseren Menschen macht. Beim Betrachten von Kunst oder bei der Lektüre eines Buches sind wir mehr als nur Konsument, Verbraucher oder Nutzer – wir erkennen im besten Fall ein Stück von uns selbst.“

Das für mich prägendste Kulturereignis der letzten Jahre ist … „immer wieder die Begegnung mit intelligenter Kunst, weil sie einen nie kalt lässt, egal ob auf der Bühne, in Büchern, auf Leinwänden, Bildschirmen oder Häusermauern.“

Die großen Kulturthemen der nächsten fünf Jahre sind … „die gleichen wie in den letzten fünf Jahren: Grenzen überwinden und Grenzen ziehen, einen gewaltfreien Raum zur Verständigung bieten, das Fremde in uns und den anderen.“

Ein Leben ohne Kulturzeit … „möchte ich mir nicht vorstellen.“

Nicht dass Anja Fix ganz alleine meine Geschicke leiten würde. An ihrer Seite steht Monika Sandhack (SWR/ARD). Sie erinnern sich, das war die Sache mit den mehreren Paten. Auch von ihr möchte ich erfahren, was sie zu den Fragen von eben sagt.

Monika Sandhack, Foto: SWR, Monika Werneke

Eine Gesellschaft braucht Kultur, weil … „Kultur das innere Band ist, das eine Gesellschaft verbindet. Sie ist die Summe dessen, was den Menschen ausmacht: sein Denken, sein Fühlen, sein Handeln. Begriffe wie Empathie, Menschlichkeit, Verantwortung und Moral sind es, die durch Kultur erst lebendig werden. Und die Frage, wie wollen wir leben, ist von immenser politischer Kraft. Aber wer ist schon ‚wir‘ in Zeiten wie diesen, in einer Gesellschaft, die sich dramatisch wandelt. Das Durchspielen von Konflikten, das Finden von Möglichkeiten, das Bewahren von humanen Werten – auch das ist gelebte Kultur. Darauf können wir nicht verzichten.“

Das für mich prägendste Kulturereignis der letzten Jahre ist … „nicht eines, sondern viele. Zum Beispiel die Inszenierung von ‚Medea‘ am Frankfurter Schauspiel: die Urwucht der antiken Tragödie – Constanze Becker spielt eine entrückte Medea wie im Rausch und Michael Thalheimer inszeniert; beide treffen das Stück grandios mitten ins Herz. Ein Fest für die Zuschauer, ein großer Theaterabend. Oder zum Beispiel ‚Herkunft‘ von Botho Strauß: ein schmales gewichtiges Erinnerungsbuch über sich und seinen Vater. Einer sammelt die Scherben seines Lebens ein. Kann man seiner Herkunft entfliehen? Und will man das? In der Welt des Botho Strauß gibt es keinen Anfang und kein Ende, alles schwebt. Oder aber ein Meisterwerk wie der Spielfilm von Nuri Bilge Ceylan ‚Winterschlaf‘: ein türkisches Sittenbild, ein Leben im Stillstand. Undundund …“

Die großen Kulturthemen der nächsten fünf Jahre sind … „die Fragen nach dem Zusammenleben. Was geschieht in Zeiten der Krise? Was hält uns auch in Zukunft noch zusammen? Wie können wir uns die Errungenschaften der Aufklärung am Leben erhalten und wie religiösen Fanatikern Einhalt gebieten? Wo herrscht Konsens in unserer Gesellschaft? Oder braucht es zur Integration gar keine Werte, weil unsere Demokratie alles ökonomisch regelt?“

Ein Leben ohne Kulturzeit ist … vorstellbar. Aber wer kann das wollen? Ich nicht!“

Für die Kulturzeit der Zukunft wünsche ich mir … „mehr Besonnenheit in besinnungslosen Zeiten wie diesen.“

Der Vorgänger von Anja Fix, Armin Conrad, war an meiner Entstehung ja maßgeblich beteiligt. Er hat sich gerade pünktlich zu meinem 20. Geburtstag in den Ruhestand verabschiedet. Auch von ihm wollte ich die Fragen beantwortet haben.

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Eine Gesellschaft braucht Kultur, weil … „sie sich dann nicht mehr fragen lassen muss, ob sie überhaupt noch eine Gesellschaft ist oder stattdessen ein Nebeneinander von Interessen und Egozentrismen.“

Das für mich prägendste Kulturereignis der letzten Jahre ist … „der Auftritt von Erdogan als Hologramm/Holografie vor seinen Anhängern in Köln.“

Die großen Kulturthemen der nächsten fünf Jahre sind … „kann Kultur weiter ‚public value‘ schaffen? Muss sie sich eher kulturfremden Geschäftsmodellen (Sponsoren, Sammler, Weltpolitik) unterordnen? Kann sie aus sich heraus Entwicklungen lenken oder wenigstens beeinflussen? Wird Kultur zu einem Hofnarrentum geistiger und politischer Machtzentren werden? Was wird aus dem öffentlichen Raum (siehe auch: Eine Gesellschaft braucht…!) Wieviel fremdes Kulturverständnis lassen wir in dieser Völkerwanderung zu?“

Ein Leben ohne Kulturzeit ist … „ein naives Dahinvegetieren zwischen den Monstranzen und Abziehbildern eines kulturellen Schwindels, der oft auch noch administrativ ausgeheckt ist.“

Für die Kulturzeit der Zukunft wünsche ich mir … „Auch wenn man manchen guten Nutzen aus den publizistischen Energien Anderer ziehen kann, sollte man etwas weniger nachplappern und am besten viel Originäres an Inhalt und Erzählung desselben liefern können.“

Anekdoten

Und zum Schluss dann vielleicht doch ein bisschen Nostalgie. 20 Jahre sind eine lange Zeit. Meine Redakteure haben mir mal erzählt, welche Anekdoten ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind.

Einen „Ritt über den Bodensee“ nennt Redakteur Stefan Müller heute den Dreh mit Yoko Ono und Andrea Meier 2007 in Bremen. Denn Andrea Meier flog an diesem Tag morgens in die Hansestadt, um die Künstlerin und Witwe von John Lennon zu interviewen. Doch am gleichen Abend stand sie schon wieder in Mainz im Studio, um das Interview mit Yoko Ono anzukündigen. Derweil hatte Stefan Müller im Bremer ZDF-Studio das Gespräch zum ausgewachsenen Filmbeitrag zusammengeschnitten und per Leitung nach Mainz geschickt. Aufregend!

„Wir durften damals mit dem Opening nicht Aufzug fahren“, erinnert sich Redakteurin Caroline Jerchel. „2001 wurde im Gegensatz zu heute noch mit Bändern gearbeitet. Eine meiner ersten Aufgaben,  kurz nach der Hospitanz, war es, das sogenannte Opening zu produzieren. So nennt man die Eröffnungssequenz, in der die drei Hauptthemen der aktuellen Sendung kurz vorgestellt werden. Das fertige Sendeband mit dem insgesamt 43 Sekunden langen Opening dann in den richtigen MAZ-Raum, also den Abspielort zu bringen, gab mir ein Gefühl von großer Wichtigkeit. Zumal uns Assistenten strengstens eingeschärft worden war, auf keinen Fall den Aufzug zu nehmen – denn der könne ja stecken bleiben und mit ihm das Opening, der Beginn jeder Kulturzeit-Sendung. Ein Gefühl, fast als ob man Englands Kronjuwelen oder dringend benötigte Blutkonserven transportieren würde. Heute schmunzelt man darüber und weiß ‚es ist ja nur Fernsehen‘, aber die Erinnerung ist noch sehr lebendig.“

Stefan Müller denkt noch mit Schrecken an seine Anfänge bei den News. „Was für das Opening gilt, galt vor allem auch für die News“, sagt er. „Die wurden meist sehr spät fertig, man hörte sogar von Cuttern, die sich ein ärztliches Attest haben geben lassen, damit sie keine Kulturzeit-News mehr schneiden mussten. Es gab kein Internet, Statement-Geber wurden noch über das ‚Oeckl‘-Verzeichnis gesucht und die persönliche Kladde mit Adressen Prominenter war der bestgehütete Schatz eines jeden Redakteurs. Die Agenturmeldungen kamen per Telex, man musste sie sich selbst regelmäßig aus dem Fernschreiberbüro abholen. Während der News-Abnahme musste das berühmte Label für das Abspielgerät getippt und ausgedruckt werden, dann ging es im Stechschritt zur Sprachaufnahme, dann im Spurt die Treppen hoch (‚Vermeide den Aufzug!!!‘) und in letzter Sekunde wurde die MAZ in die Maschine geschoben, bevor sie auf Sendung ging. Wir waren damals ja noch jung …“

Redakteurin Jutta Heeß erinnert sich noch gut an ihre Anfänge bei Online. „1997 ging Kulturzeit online, als erstes TV-Kulturmagazin überhaupt. Innerhalb der Redaktion waren wir so etwas wie die Außerirdischen, die ja ’nur‘ online machten. Wir haben es am Anfang geschafft, einen Beitrag, einen Tipp und eine News in Textform online zu stellen – und waren doch zu zweit den ganzen Tag beschäftigt. Wir mussten zum Teil Texte noch abtippen, weil noch nicht alle Redakteure Computer geschweige denn E-Mail benutzten. Optisch war das anfangs alles noch ziemlich unterirdisch. In der Anfangszeit haben wir – Tatsache! – noch die Seiten ausgedruckt mit in die Sitzung gebracht. Technisch und inhaltlich ging es dann aber zügig voran, wir bildeten bald die ganze Sendung ab und schrieben Zusatzartikel: Film-, Buch- und CD-Tipps, Surftipps und Kommentare. Außerdem boten wir Chats mit Gästen aus der Sendung an, damals noch als Forum angelegt. Berühmt: Chats mit Friedrich Küppersbusch und Tom Tykwer. 2001 jedenfalls waren wir für den ersten Grimme Online Award nominiert, in der Kategorie ‚Grimme Online Award TV‘.“

Zum Schluss

So war das also früher. Und seitdem ist ja wirklich viel passiert. Meine Geschichte ist nun erzählt, finde ich. Einen möchte ich aber noch zu Wort kommen lassen: Christoph Schlingensief, der häufig und immer gerne mein Gast war. Noch sieben Monate vor seinem Tod hat er mir ein Interview gegeben. Was werden wir glauben, wie werden Kriege geführt, was wird aus der Oper, habe ich ihn gefragt. Das letzte Wort gebührt ihm und seinen Visionen für das Jahr 2020.